Edle Schönheiten im rechten Licht

Eine kleine Begebenheit mit einem Fohlen

29. September 2018/Geschichten

Ein Foto – mehr als nur ein Bild!

Beeindruckt schaute das kleine Mädchen dem Fohlen zu, wie es gierig am Euter der Mutterstute saugte. Dabei dachte es sich, ob es der Mama wohl weh tut, wenn das Pferdebaby so stupft? Das sah schon ziemlich rabiat aus. Das Mädchen wusste mit ihren 10 Jahren noch nicht, dass Fohlen durch das Stupfen den Milchfluss in Gang setzen und dass es gar nicht so grob ist, wie es manchmal aussieht.

Viel besser gefiel es ihm natürlich, wenn das herzige Fohlen mit dem weißen Stern auf der Stirn neugierig zu ihr kam und sie es ausgiebig streicheln konnte. Viel Zeit verbrachte sie bei diesem kleinen Fuchsfohlen, das seiner Mutter „Goldblume“ sehr ähnelte. Sie erzählte ihm ihre Gedanken, beobachtete das hübsche Tier, stellte sich vor, es sei ihr Fohlen … wie wunderbar in der Gegenwart des Fohlens alles war. Fohlen, Pferdekind – Lebewesen brauchen einen Namen! Sie taufte das Pferdebaby einfach „Goldblümchen“.

Tagein tagaus besuchte das kleine Mädchen ihr „Goldblümchen“ und vergaß dabei meist, zu den Eltern zurückzukehren. Nicht selten kam der Vater sie holen. Denn er wusste natürlich bald, wo sich seine kleine Tochter herumtrieb 🙂

Das Mädchen hatte das Glück, 3 Wochen intensiv mit ihrem „Goldblümchen“ verbringen zu dürfen. Wie ein Glück erschien es ihr aber so ganz und gar nicht, denn der Abschied nach den 3 Wochen war tränenreich, schmerzhaft und einfach schlimm. Warum dann aber der Abschied? Nun, das Mädchen verbrachte mit ihren Eltern einen traumhaft schönen Reiturlaub in Mecklenburg. Kennt jemand das heutige Reitsportzentrum Alt Sammit, eine Außenstelle des Gestüts Ganschow? Genau dort lebte vor vielen Jahren die Mecklenburger Stute „Goldblume“ mit ihrem „Goldblümchen“. Und für 3 Wochen im Jahr das kleine Mädchen.

Einige Jahre später besuchte die inzwischen erwachsene Frau das Gestüt Ganschow und machte natürlich den Abstecher nach Alt Sammit. Der Reitbetrieb für Urlauber fand immer noch statt, Stutenherden genossen die großen Weiden und die Fohlen gediehen prächtig. Die junge Frau begriff schon zeitig in ihrem Leben, wie die heilsame Magie der Pferde auf sie wirkte und so zog es sie auch bei ihrem Besuch auf die Weide zur Herde. Sie setzte sich  an den Rand und genoss die edlen Tiere. Sie beobachtete das sich in Herden immer wiederholende Ritual: Anfangs heben alle Pferde den Kopf und schauen, wer da kommt und was passiert, um sich dann gleich wieder dem frischen Gras hinzugeben. Sie beobachtete dies bei allen Pferden auf dieser Koppel, außer bei einer Stute…

Diese Fuchsstute kam langsam zu der jungen Frau, die entspannt an den Pfosten gelehnt dort saß. Kurz vor ihr blieb sie stehen. Die Frau glaubte ihren Augen nicht zu trauen. Die Stute besaß denselben Stern auf der Stirn, wie ihr „Goldblümchen“ von vor vielen Jahren. Konnte das wirklich wahr sein? Stand IHR „Goldblümchen“ wieder vor ihr? Dieses Fohlen, welches sie über alles geliebt hatte? Ein altes, qualitätsmäßig den Jahren zum Opfer gefallenes Schwarz-Weiß-Foto in ihrem Geldbeutel sollte Gewissheit bringen. Tatsächlich, alle Abzeichen des Pferdes – der Stern auf der Stirn, der rechte weiße Vorderfuß und die halbweiße Fessel hinten links – stimmten mit denen des Fohlens auf der alten Fotografie überein. Tränen stiegen ihr in die Augen. War es nur Pferdeneugier oder sollte diese Stute sie am Ende wiedererkannt haben?

Zu 100 % habe ich das nie herausgefunden, jedoch bin ich an diesem Abend mit dem Wahnsinnsgefühl ins Bett gegangen, eine alte Bekannte wiedergefunden zu haben, mein “Goldblümchen”. Ein altes, halb zerknittertes Foto half mir, Gewissheit erhalten zu haben – wie wunderbar!